Die Geburt Jesu ...
(Empfangen und aufgeschrieben von Maria Valtorta, Italien.)
Ich sehe wieder das Innere dieser armen, steinigen
Zufluchtsstätte, wo Maria und Joseph, das Los der Tiere teilend, Unterkunft
gefunden haben.
Das Feuerchen schlummert zusammen mit seinem Wächter. Maria hebt
leise ihr Haupt vom Lager und schaut sich um. Sie sieht Joseph, der mit dem bis
auf die Brust gesunkenen Haupt dasitzt, als ob er nachdenke. Sie erkennt, daß
die Müdigkeit stärker war als sein guter Wille, und lächelt gütig. Nun setzt
sie sich auf, darum bemüht, so wenig Geräusche als möglich zu verursachen –
selbst ein Falter könnte sich nicht lautloser auf einer Rose niederlassen – und
geht dann von der sitzenden Stellung in die kniende über, um mit einem
glücklichen Lächeln auf dem Antlitz zu beten. Sie betet mit offenen Armen;
nicht in Kreuzesform, sondern die Arme erhoben und nach vorne gerichtet, und
die Handflächen nach oben geöffnet. Sie scheint nicht müde zu werden in dieser
unbequemen Haltung. Dann beugt sie sich ganz tief nach vorne, bis sie mit ihrem
Gesicht das Heu berührt, und verharrt so in einem innigen, sehr langen Gebet.
Joseph schüttelt sich. Er sieht, daß das Feuer fast erstorben und
der Stall fast dunkel ist. Er wirft eine Handvoll feinen Heidekrauts hinein,
und die Flamme flackert wieder auf; nun legt er größere Zweige hinzu, dann noch
größere, denn es beginnt, empfindlich kalt zu werden. Die Kälte dieser heiteren
Winternacht dringt von allen Seiten in die Ruine ein. Der arme Joseph, so nahe
an der Tür – nennen wir so das Loch, über dem sein Mantel hängt – muß vor Kälte
fast erstarrt sein. Er hält die Hände an die Flamme, löst die Sandalen und
streckt auch die Füße zum Feuer hin. So erwärmt er sich. Sobald das Feuer gut
brennt und sein Licht verbreitet, dreht er sich um. Aber er sieht nichts; nicht
einmal den hellen Schleier von Maria, der sich erst wie ein heller Streifen vom
dunklen Heu abhob. Er richtet sich auf und nähert sich der Lagerstätte.
«Schläfst du, Maria?» fragt er. Dreimal muß er fragen, bis sie
sich bewegt und antwortet: «Ich bete.»
«Benötigst du nichts?»
«Nein, Joseph.»
«Versuche etwas zu schlafen; wenigstens etwas auszuruhen!»
«Ich werde es versuchen. Aber beten ermüdet mich nicht.»
«Gott sei mit dir, Maria!»
«Und auch mit dir, Joseph!»
Maria nimmt wieder ihre frühere Stellung ein. Joseph wirft sich
neben dem Feuer auf die Knie, um nicht wieder dem Schlaf zu verfallen, und
betet. Er betet mit den Händen vor dem Gesicht. Bisweilen entfernt er sie, um
das Feuer zu schüren; dann kehrt er wieder zu seinem inständigen Gebet zurück.
Abgesehen von dem Geräusch der Holzstücke, die im Feuer prasseln, und dem des
Esels, der dann und wann mit einem Huf auf den Boden schlägt, hört man nichts.
Ein feiner Mondstrahl dringt durch einen Spalt in der Decke und scheint
wie eine körperlose, silberne Klinge Maria zu suchen. Sie wird mit dem
Höhersteigen des Mondes immer größer, so daß sie schließlich das Haupt der
Betenden erreicht und es mit einem strahlenden Glanz umgibt.
Maria hebt das Haupt, wie einer himmlischen Stimme folgend, und
wirft sich von neuem auf die Knie. Ihr Haupt scheint im weißen Licht des Mondes
zu strahlen, und ein übernatürliches Lächeln verklärt sie. Was sieht sie? Was
hört sie? Was empfindet sie? Nur sie allein könnte sagen, was sie sieht, hört
und empfindet in der leuchtenden Stunde ihrer Mutterschaft. Ich sehe nur, daß
um sie herum das Licht stärker und immer stärker wird. Es scheint vom Himmel zu
kommen; es scheint von den ärmlichen Dingen rings um sie herum auszugehen; es
scheint vor allem, daß sie selbst es ist, die es ausstrahlt.
Ihr dunkelblaues Gewand erscheint jetzt im milden Himmelsblau des
Vergißmeinnichts. Die Hände und das Gesicht werden bläulich, wie unter dem
Licht eines riesigen, bleichglühenden Saphirs. Diese Farbe erinnert mich, auch
wenn sie zarter ist, an jene, die ich in den Visionen des heiligen Paradieses
und auch bei der Ankunft der Weisen gesehen habe. Immer mehr breitet sie sich
aus über die Gegenstände und Kleider und läutert sie und gibt ihnen ihren
Glanz.
Immer mehr strömt dieses Licht vom Körper Marias aus. Es scheint,
daß sie alles Licht anzieht, das vom Himmel kommt. Nunmehr ist sie selbst die
Verwalterin des "Lichtes". Sie, die dieses Licht der Welt geben soll.
Es ist das beseligende, unbezwingbare, unermeßliche, ewige, göttliche Licht,
das jetzt gegeben wird und das sich ankündet durch eine Morgendämmerung, einen
Morgenstern, einen Chor von Lichtatomen, die anwachsen, wachsen wie eine
Meeresflut, die steigen, aufsteigen wie Weihrauch, die herniederfallen wie ein
Strom und sich ausbreiten wie ein Schleier...
Die Decke voller Risse, Spinngewebe, hervorspringender Trümmer,
die in der Schwebe hängen wie ein statisches Wunder, rauchgeschwärzt und
abstoßend, erscheint nun wie das Gewölbe eines königlichen Saals. Jeder Stein
wirkt wie ein silberner Block, jeder Riß wie das Schimmern eines Opals, jedes
Spinngewebe wie ein kostbarer Baldachin, durchwirkt mit Silber und Diamanten.
Eine große Eidechse, die sich zwischen zwei Felsstücken im Winterschlaf
befindet, scheint ein Smaragd zu sein, der dort von einer Königin vergessen
wurde, und eine Traube von schlafenden Fledermäusen sieht aus wie ein kostbarer
Leuchter von Onyx. Das Heu, das von der höheren Krippe herabhängt, ist kein
Gras mehr: es sind Fäden aus reinem Silber, die in der Luft mit der Anmut
aufgelöster Haare zittern.
Die darunterliegende Krippe in ihrem groben Holz ist ein Block von
gebräuntem Silber geworden. Die Wände sind bedeckt mit einem Brokat, in dem der
Glanz der weißen Seide unter den perlfarbigen Verzierungen verschwindet. Und
der Boden? ... Was ist aus dem Boden geworden? Ein von weißem Licht erhellter
Kristall. Die Buckel sind wie Lichtrosen, die als Ehrenbezeigung auf den Boden
gestreut wurden, und die Löcher wie kostbare Kelche, aus denen Wohlgerüche aufsteigen.
Das Licht wird stärker und stärker. Es wird für das Auge
unerträglich. In ihm verschwindet, wie von einem weißglühenden Lichtschleier
verhüllt, die Jungfrau... und kommt aus ihm hervor als die Mutter.
Ja, als das Licht für meine Augen wieder erträglich wird, sehe ich
Maria mit ihrem neugeborenen Sohn auf den Armen. Ein Kindlein, rosig und
mollig, das sich bewegt und mit seinen Händchen – groß wie Rosenknospen –
herumfuchtelt und mit seinen Füßlein zappelt, die im Herzen einer Rose Platz
hätten. Es wimmert mit einem zitternden Stimmlein, gerade wie ein eben
geborenes Lämmlein, und zeigt beim Öffnen des Mündleins, das klein wie eine
Walderdbeere ist, ein gegen den Gaumen zitterndes Zünglein. Ein Kindlein, das
sein Köpfchen bewegt, das die Mutter in ihrer hohlen Hand hält, während sie ihr
Kindlein betrachtet und anbetet, weinend und freudig zugleich. Sie neigt sich,
um es zu küssen, nicht auf das unschuldige Haupt, sondern tiefer, mitten auf
die Brust, dort, wo das Herzchen schlägt... ja, für uns schlägt... dort, wo
eines Tages die Wunde sein wird. Sie heilt sie schon im voraus, die Wunde; sie,
die Mutter, mit ihrem unbefleckten Kuß.
Der vom Lichtglanz geweckte Ochse erhebt sich mit großem Lärm der
Hufe und einem lauten Muhen. Der Esel wendet seinen Kopf und schreit sein
«Iah!». Das Licht, das sie verwundert, hat sie geweckt; aber ich denke lieber,
daß sie ihren Schöpfer haben grüßen wollen, in ihrem Namen und in dem aller
Tiere.
Auch Joseph, der wie verzückt innig betet, so daß er all dem
entzogen schien, was ihn umgab, kommt nun zu sich und sieht durch die vor das
Gesicht gehaltenen Finger das eigenartige Licht durchscheinen, hebt den Kopf
und dreht sich um. Der stehende Ochse verbirgt Maria. Aber sie ruft: «Joseph,
komm!» Joseph eilt hin... aber, als er sieht, was geschehen ist, hält er von
Ehrfurcht überwältigt inne und will auf die Knie fallen. Aber Maria wiederholt:
«Komm, Joseph!» und stützt sich mit der Linken auf das Heu, während sie mit der
Rechten das Kind an ihr Herz drückt; sie erhebt sich und geht Joseph entgegen,
der sich verlegen nähert, hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen
hinzugehen und der Furcht, unehrerbietig zu sein.
An der Lagerstätte begegnen sich die beiden Verlobten und blicken
sich an in seligem Weinen.
«Komm, wir wollen Jesus dem Vater aufopfern!» sagt Maria.
Und während Joseph niederkniet, hält Maria, die aufrecht zwischen
den beiden das Gewölbe tragenden Pfosten steht, ihr Kind in die Höhe und
spricht: «Hier bin ich. Für ihn, o Gott, sage ich dir diese Worte: "Sieh,
hier bin ich, deinen Willen zu tun. Und mit ihm, ich, Maria, und Joseph, mein
Bräutigam. Sieh, o Herr, deine Diener! Möge an uns immer und in jeder Stunde
dein Wille geschehen zu deiner Ehre und aus Liebe zu dir."» Dann neigt
sich Maria und sagt: «Nimm, Joseph!» und bietet ihm das Kind an.
«Ich? Mir? O nein! Ich bin nicht würdig!» Joseph ist verwirrt,
vernichtet bei dem Gedanken, Gott zu berühren.
Maria aber besteht lächelnd auf ihrem Wort: «Du bist dessen wohl
würdig. Niemand mehr als du, und deswegen hat der Allerhöchste dich erwählt.
Nimm, Joseph, und halte es, während ich die Windeln hole!»
Joseph, rot wie Purpur, streckt die Hände aus, nimmt das
Bündelchen Fleisch, das vor Kälte schreit, und nachdem er es einmal in den
Armen hat, verharrt er nicht weiter in seiner Absicht, es aus Ehrfurcht weit
von sich zu halten; er drückt es an sein Herz und sagt unter reichlichen
Tränen: «Oh! Herr! Mein Gott!» Und er beugt sich, um die Beinchen zu küssen. Er
fühlt ihre Kälte und setzt sich daher zu Boden, nimmt das Kind in seinen Schoß
und sucht es mit seinem braunen Gewand und seinen Händen zu bedecken, zu
erwärmen und zu schützen vor der bitteren Kälte der Nacht. Er möchte zum Feuer
gehen, aber da ist die Zugluft, die durch die Tür eindringt. Lieber hier
bleiben. Besser noch ist es, zwischen die beiden Tiere zu gehen, die einen
Schild bilden gegen die Zugluft und Wärme ausstrahlen. So begibt er sich
zwischen Ochs und Esel und stellt sich mit dem Rücken gegen die Türöffnung,
über den Neugeborenen gebeugt, um aus seiner Brust eine Muschel zu machen,
deren Seitenwände ein grauer Kopf mit langen Ohren und ein großes weißes Maul
mit dampfenden Nüstern und feuchten, gutmütigen Augen sind. Maria hat die Truhe
geöffnet und ihr Tücher und Windeln entnommen. Sie ist ans Feuer gegangen und
hat sie erwärmt. Nun kommt sie zu Joseph und wickelt das Kind in die gewärmte
Leinwand und dann in ihren Schleier, um sein Köpfchen gegen die Kälte zu
schützen.
«Wo legen wir es jetzt hin?» fragt sie.
Joseph schaut umher und denkt nach... «Warte!» sagt er. «Treiben
wir die beiden Tiere samt ihrem Heu hinüber, und nehmen wir das Heu von oben
herunter, und legen wir es da hinein! Das Holz der Krippenwand wird es vor der
Zugluft schützen; das Heu kann ihm als Kissen dienen; und der Ochse wird es mit
seinem Atem etwas erwärmen... besser der Ochse, er ist geduldiger und ruhiger.»
Joseph macht sich an die Arbeit, während Maria ihr Kindlein in den Schlaf
wiegt, indem sie es fest an ihr Herz drückt und ihre Wange an sein Köpfchen
hält, um ihm Wärme zu spenden.
Joseph schürt das Feuer; ohne zu sparen legt er auf, um eine
schöne Flamme zu haben; er erwärmt das Heu und legt es unter seinen Mantel,
damit es nicht wieder erkälte, und als er soviel beisammen hat, daß er ein
Maträtzchen für das Kindlein daraus bilden kann, geht er zur Krippe und legt es
wie in einer Wiege zurecht. «Fertig», sagt er. «Jetzt brauchen wir noch eine
Decke, denn das Heu sticht, und auch, um es zuzudecken...»
«Nimm meinen Mantel», sagt Maria.
«Du wirst kalt haben!»
«Oh! Das macht nichts! Die Decke ist zu rauh. Der Mantel ist warm
und weich. Ich fühle durchaus keine Kälte. Nur daß Er nicht mehr darunter
leide!»
Joseph nimmt den weiten Mantel aus dunkelblauer, weicher Wolle,
legt ihn doppelt genommen über das Heu und läßt einen Zipfel über die Krippe
herunterhängen. Das erste Bettlein für den Erlöser ist bereit.
Die Mutter bringt ihn mit ihrem anmutigen, wiegenden Schritt
herbei legt ihn nieder, bedeckt ihn mit den Zipfeln des Mantels und hüllt auch
das nackte Köpfchen ein. Nur das Gesichtchen bleibt unbedeckt. Die beiden
beugen sich über die Krippe und betrachten selig das Kindlein, wie es seinen
ersten Schlaf schläft; die sanfte Wärme der Windeln und des Heus haben die
Tränen versiegen und den süßen Jesus einschlafen lassen.
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