DIE REISE NACH BETHLEHEM
Empfangen und aufgeschrieben von Maria Valtorta, Italien.
Ich sehe eine Landstraße. Eine große Menge belebt sie. Esel,
beladen mit Hausrat und Personen, kommen und gehen. Die Leute spornen ihre
Reittiere an, und die Fußgänger gehen eilig, denn es ist kalt.
Die Luft ist rein und trocken und der Himmel heiter, aber alles
hat die scharfen Umrisse der kalten Wintertage. Die abgeernteten und nackten
Felder erscheinen größer in ihrer Ausdehnung, und die Weiden haben nur ein
kurzes, von den Winterstürmen ausgetrocknetes Gras. Auf diesen Weiden suchen
die Schafe ein wenig Nahrung sowie die Sonne langsam aufgeht. Sie drängen sich
aneinander, denn auch sie spüren die Kälte. Sie blöken und erheben die Mäuler
und Blicke zur Sonne, als wollten sie sagen: «Komm schnell, denn es ist kalt!»
Der Boden ist wellig, und die Wellen treten immer deutlicher hervor. Eine richtige
Hügellandschaft mit grasigen Mulden und Abhängen, Tälern und Bergrücken. Die
Straße geht mittendurch, Richtung Südost.
Maria sitzt auf einem grauen Esel, ganz eingewickelt in einen
schweren Mantel. Vor dem Sattel ist die Truhe befestigt, die ich schon auf der
Reise nach Hebron gesehen habe, und auf dieser befindet sich ein Kästchen mit
den notwendigsten Dingen.
Joseph geht an der Seite und hält die Zügel. «Bist du müde?» fragt
er von Zeit zu Zeit.
Maria schaut ihn lächelnd an und antwortet: «Nein.» Nach dem
dritten Mal fügt sie hinzu: «Du wirst müde sein, da du zu Fuß gehst.»
«Oh, ich! Das macht mir nichts aus. Ich denke, wenn ich noch einen
zweiten Esel gefunden hätte, hättest du es bequemer gehabt, und wir kämen
schneller vorwärts. Aber ich habe keinen mehr gefunden. Alle brauchen jetzt die
Reittiere. Aber Mut! Bald sind wir in Bethlehem. Hinter jenem Berg ist
Ephrata.»
Sie schweigen. Wenn die Jungfrau schweigt, scheint sie sich zum
inneren Gebet zu sammeln. In ihre Gedanken versunken, lächelt sie sanft. Sie
blickt auf die Menge; doch scheint sie nicht Männer und Frauen, Alte und
Hirten, Reiche und Arme zu unterscheiden; sie sieht das, was nur sie sehen
kann.
«Hast du kalt?» fragt Joseph; denn es hat sich ein Wind erhoben.
«Nein, danke.»
Aber Joseph glaubt ihr nicht. Er betastet ihre mit Sandalen
bekleideten Füße, die seitlich des Eselchens herabhängen und die man kaum unter
dem langen Gewand hervorragen sieht. Sie müssen sich wohl kalt anfühlen, denn
er schüttelt den Kopf und nimmt eine Decke, die er sich umgehängt hatte, und
wickelt sie um die Beine Marias; er zieht sie auch über den Schoß, so daß die
Hände unter Decke und Mantel gut warm bleiben.
Sie begegnen einem Hirten, der mit seiner Herde die Straße
überquert, um von einer Weide auf der rechten Seite zu einer auf der linken zu
gelangen. Joseph wendet sich ihm zu, um ihm etwas zu sagen. Der Hirte nickt.
Joseph nimmt den Esel an den Zügeln und zieht ihn hinter der Herde auf die
Weide. Der Hirte holt einen einfachen Napf aus der Tasche, melkt ein großes
Schaf mit vollem Euter und gibt den Napf Joseph, der ihn Maria anbietet.
«Gott segne euch beide!» sagt Maria. «Dich für deine Liebe und
dich für deine Güte. Ich werde für dich beten.»
«Kommt ihr von weit her?»
«Von Nazareth», antwortet Joseph.
«Und wohin geht es?»
«Nach Bethlehem.»
«Eine weite Reise für eine Frau in diesem Zustand. Ist es deine
Frau?»
«Es ist meine Frau.»
«Habt ihr jemanden, der euch Unterkunft geben wird?»
«Nein.»
«Schlimme Sache! Bethlehem ist voller Menschen, die von überall
her gekommen sind, um sich einschreiben zu lassen, oder auf der Durchreise
sind. Ich weiß nicht, ob ihr eine Unterkunft finden werdet. Kennst du den Ort?»
«Nicht besonders.»
«Nun... ich werde dir etwas sagen... um ihretwillen (er zeigt auf
Maria). Sucht die Herberge! Alles wird besetzt sein. Aber ich sage es euch,
damit ihr einen Anhaltspunkt habt: Dort ist ein großer Platz, der größte. Man
gelangt auf dieser Landstraße zu ihm. Ihr könnt nicht fehl gehen. Vor der
Herberge ist ein Brunnen. Sie ist groß und niedrig, mit einem großen
Eingangstor. Sie wird voll sein. Wenn ihr aber in der Herberge und in den
Häusern keinen Platz findet, dann geht hinter der Herberge den Feldern zu. Dort
sind Ställe im Berg, die den Händlern auf dem Weg nach Jerusalern manchmal dazu
dienen, ihre Tiere einzustellen, wenn für diese in der Herberge kein Platz mehr
ist. Sie sind feucht und kalt und ohne Türen. Aber sie sind immerhin eine
Zuflucht; denn die Frau... darf nicht auf der Straße bleiben. Vielleicht findet
ihr dort einen Platz... und Heu zum Schlafen und für den Esel. Gott möge euch
begleiten!»
«Und Gott schenke dir Freude!» erwidert Maria. Joseph hingegen
sagt: «Der Friede sei mit dir!»
Sie machen sich wieder auf den Weg. Vom Hügel aus, den sie gerade
erstiegen haben, sieht man eine breitere Mulde. In der Mulde und an den sanften
Abhängen liegen überall Häuser. Das ist Bethlehem.
«Sieh, nun sind wir in der Heimat Davids, Maria. Jetzt wirst du
ausruhen können. Du scheinst sehr müde zu sein.»
«Nein, ich dachte... ich denke...» Maria ergreift die Hand Josephs
und sagt mit einem seligen Lächeln: «Ich denke, daß gerade jetzt die Zeit
gekommen ist.»
«Gott der Barmherzigkeit! Was machen wir?»
«Habe keine Angst, Joseph! Sei geduldig! Siehst du, wie ruhig ich
bin?»
«Aber du leidest doch wohl sehr.»
«O nein! Ich bin voller Freude. Eine Freude, so groß, so stark, so
schön und unfaßbar, daß mein Herz ganz laut schlägt und zu mir sagt: "Er
kommt! Er kommt!" Es sagt dies bei jedem Schlag. Es ist mein Kind, das an
mein Herz pocht und spricht: "Mama, ich bin hier und komme, dir den Kuß
Gottes zu geben." Oh, welch eine Freude, mein Joseph!»
Aber Joseph ist nicht so freudetrunken. Er denkt an die
Dringlichkeit, eine Unterkunft zu finden, und beschleunigt seine Schritte. An
jeder Tür fragt er. Alles besetzt. Sie kommen zur Herberge. Diese ist überfüllt
bis unter die primitiven Säulengänge, die den großen Innenhof umgeben. Alles
voller Leute, die biwakieren.
Joseph läßt Maria auf dem Esel drinnen im Hof zurück und geht, um
in anderen Häusern zu suchen. Entmutigt kehrt er zurück. Es ist nichts zu
finden. Die schnelle winterliche Dämmerung beginnt ihre Schleier auszubreiten.
Joseph fleht den Gastwirt an. Er bittet Reisende. Sie sind kräftige und gesunde
Männer, und dort ist eine Frau unmittelbar vor der Geburt eines Kindes. Sie
sollen doch Mitleid haben. Nichts. Da ist ein reicher Pharisäer, der mit ganz
offenkundiger Verachtung auf sie schaut; und als Maria sich ihm nähert,
schüttelt er sich, als ob sie eine Aussätzige wäre. Joseph beobachtet ihn, und
die Röte des Zorns steigt ihm ins Gesicht. Maria legt ihre Hand auf sein
Handgelenk, um ihn zu beruhigen, und sagt: «Bestehe nicht weiter darauf! Laß
uns gehen! Gott wird schon sorgen.»
Sie gehen hinaus und folgen der Mauer der Herberge. Dann biegen
sie in eine Gasse ein, die zwischen der Herberge und armseligen Häusern liegt.
Sie gehen hinter der Herberge weiter und suchen. Sieh, da finden sie eine Art
Grotten; eher Keller als Ställe, so tief gelegen und feucht sind sie. Die
schönsten sind bereits belegt. Joseph wird mutlos.
«Heh, Galiläer!» ruft ihm ein alter Mann zu. «Dort hinten, unter
jener Ruine, dort ist eine Höhle. Vielleicht ist noch keiner darin.»
Sie eilen hin. Es ist wirklich eine Höhle. Zwischen den Resten
eines zur Ruine gewordenen Gebäudes ist ein Durchgang. Er führt in eine Grotte,
die mehr einem Keller im Berg als einer Grotte gleicht. Man könnte sagen, es
seien die Fundamente des alten Bauwerks, dem als Dach die Trümmer, gestützt von
kaum bearbeiteten Baumstämmen, dienen.
Um besser sehen zu können – denn es ist schon beinahe dunkel –
nimmt Joseph Zunder und Feuerstein und zündet eine kleine Laterne an, die er
aus dem umhängenden Rucksack hervorholt. Er tritt ein und wird mit einem Muhen
begrüßt. «Komm, Maria! Sie ist frei. Nur ein Ochse ist da.» Joseph lächelt.
«Besser als nichts.»
Maria steigt vom Esel und tritt ein.
Joseph hat die Laterne an einen Nagel gehängt, welcher in einen
der Stützpfeiler geschlagen worden ist. Am Gewölbe sind viele Spinngewebe
sichtbar, und der Boden aus festgestampfter Erde ist sehr uneben, voller
Löcher, Steine, Abfälle und Schmutz und mit Stroh bedeckt. Im Hintergrund
wendet sich der Ochse um und schaut mit seinen ruhigen Augen auf sie; aus
seinem Maul hängt Heu. Es befinden sich noch ein plumper Schemel und zwei
Steine in einer Ecke bei einer Mauerspalte. Der Ruß in diesem Winkel zeigt, daß
sich hier eine Feuerstelle befindet.
Maria nähert sich dem Ochsen. Es ist kalt. Sie legt ihre Hände auf
seinen Hals, um sie zu erwärmen. Der Ochse muht und läßt geschehen, als
verstände er. Auch als Joseph ihn fortdrängt, um viel Heu in die Krippe zu
schütten und Maria ein Lager herzurichten, wehrt er sich nicht. Die Krippe
besteht aus zwei Teilen: aus dem einen frißt der Ochs, und der andere, darüber,
ist eine Art Gestell, in dem sich der Heuvorrat befindet. Diesen letzteren
nimmt Joseph. Der Ochse macht selbst dem Esel Platz, der müde und hungrig
gleich zu fressen beginnt. Joseph entdeckt auch einen umgekehrten, ganz
verbeulten Eimer. Er geht hinaus, denn draußen hat er ein Bächlein gesehen, und
kehrt mit Wasser für den Esel zurück. Dann nimmt er ein Bündel belaubter Zweige
und versucht damit, ein wenig den Boden zu reinigen. Hierauf breitet er das Heu
aus und macht nahe beim Ochsen an einer trockenen und geschützten Stelle ein
Lager. Aber er merkt, daß es feucht ist, dieses elende Heu... Joseph seufzt. Er
zündet ein Feuer an und trocknet mit einer Engelsgeduld bündelweise das Heu,
indem er es der Wärme entgegenhält.
Maria, die müde auf dem Schemel sitzt, schaut zu und lächelt. Nun
ist das Lager bereit. Maria macht es sich auf dem weichen Heu bequem; sie lehnt
den Rücken an einen Baumstamm. Joseph vervollständigt... die Einrichtung, indem
er seinen Mantel wie einen Vorhang vor die Öffnung hängt. Ein sehr dürftiger
Schutz. Dann bietet er der Jungfrau Brot und Käse an und reicht ihr Wasser aus
einer Feldflasche. «Schlafe jetzt!» sagt er. «Ich werde wachen, damit das Feuer
nicht erlischt. Zum Glück gibt es hier Holz. Hoffen wir, daß es reicht und gut
brennt! So werde ich das Öl für die Lampe sparen können.»
Maria legt sich gehorsam hin, und Joseph bedeckt sie mit ihrem
Mantel und mit der Decke, in die vorher ihre Füße eingewickelt waren.
«Aber du... wirst kalt haben.»
«Nein, Maria, ich bleibe beim Feuer. Versuche, dich auszuruhen.
Morgen wird es besser gehen.»
Maria schließt die Augen, ohne weiter darauf zu bestehen. Joseph
zieht sich in seinen Winkel zurück und setzt sich auf den Schemel neben die
dürren Zweige. Es sind nur wenige. Sie werden wohl nicht lange reichen können.
Die Lage ist die folgende: Maria befindet sich zur Rechten, mit
dem Rücken gegen den Eingang und halb verdeckt vom Pfosten und vom Ochsen, der
sich niedergelegt hat. Joseph ist zur Linken und schräg zur Tür, mit dem
Gesicht zum Feuer und dem Rücken zu Maria. Er wendet sich allerdings bisweilen
um, um nach ihr zu schauen, und er sieht, daß sie ruhig liegt, als ob sie
schliefe. Er zerbricht leise seine Zweiglein und wirft sie eines nach dem
anderen ins Feuerchen, damit es nicht erlösche, Licht spende und das wenige
Holz ausreiche. Die Lampe ist ausgelöscht worden, und im Halbdunkel stechen nur
die Helle des Ochsen und das Gesicht und die Hände Josephs hervor. Der Rest
versinkt im grauen Halbdunkel und ist nicht mehr zu unterscheiden.
*******
Fortsetzung: DIE GEBURT JESU, UNSERES HERRN ...

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